PIA Group im Portrait: Christian Tiedemann im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt

PIA Group | Hamburger Abendblatt - 2019-07-30

Hamburg. Der Arbeitsplatz von Christian Tiedemann misst elf Quadratmeter.

Gerade Platz genug für Schreibtisch, Regal, Pflanze und sein Fahrrad. Es gibt

keinen Bildschirm für Präsentationen, keine Besuchersessel, kein Vorzimmer.

Genau genommen ist der kleine Raum im Erdgeschoss der ehemaligen

Oberpostdirektion am Gorch-Fock-Wall nicht mal sein Büro. Der Chef des

Hamburger Digitaldienstleisters PIA Group hat sich mit seinem engsten

Team in einem Coworking-Space eingemietet, teilt sich mit Start-up-Gründern

die Arbeitsflächen.

Ziemlich ungewöhnlich für jemanden, der ein Unternehmen mit 1200

Mitarbeitern führt. „Mich stört das nicht“, sagt Tiedemann. Er ist viel unterwegs

– zur Gruppe gehören inzwischen elf Gesellschaften mit Standorten in der

ganzen Welt.

PIA ist massiv auf Wachstumskurs. Anfang des Jahres vermeldeten die

Hamburger die Übernahme der UDG United Digital Group mit 400 Mitarbeitern

und katapultierten sich damit in die Topliga der Internetagenturen. Mit einem

Honorarumsatz von zusammen 116 Millionen Euro steht die Gruppe jetzt

rechnerisch auf Platz 1 der Bestenliste des Bundesverbands Digitale Wirtschaft.

„Wir melden unseren Anspruch auf die führende Position als größter digitaler

Dienstleister Deutschlands an“, hatte Christian Tiedemann nach der

Genehmigung durch die Kartellbehörden im März gesagt.

"Unsere Agenturgruppe berät und begleitet Kunden bei

der digitalen Transformation ihrer Geschäftsaktivitäten"

Der 53-Jährige, der fast zwei Jahrzehnte zunächst bei der Werbeagentur Scholz

& Friends und nach dem Verkauf beim britischen Kommunikationskonzern WPP

unter Vertrag stand, hatte den Deal eingefädelt. Wenn man ihn danach fragt,

lächelt er fein. Angaben zur Höhe der Investition will der studierte Betriebswirt,

der sich als hanseatischer Kaufmann versteht, nicht machen.

"Auftraggeber verlangen Komplettpakete"

Für das Gespräch hat er in einen der Konferenzräume direkt unter dem Dach der

modernisierten Postdirektion gebeten. In dem Gebäude sitzen außer der

Muttergesellschaft PIA vier Tochterunternehmen, darunter Performance Media

mit 250 Mitarbeitern. Die digitale Media-Agentur ist eins der sechs

Gründungsmitglieder der Gruppe.

PIA steht für Performance Interactive Alliance. In der Branche geht inzwischen

gar nichts mehr ohne englische Vokabeln und Abkürzungen. Wenn man

Tiedemann fragt, was PIA macht, muss er einen Moment nachdenken, bevor er

eine Erklärung ohne Fachbegriffe parat hat: „Unsere Agenturgruppe berät und

begleitet Kunden bei der digitalen Transformation ihrer Geschäftsaktivitäten“,

sagt Tiedemann, der vor zwei Jahren den Chefposten bei PIA übernommen

hatte. Zum Leistungsspektrum gehören Services wie die Optimierung von ECommerce-

Shops, Platzierung von Online-Werbung, Datensammlung für die

Analyse des Verhaltens von potenziellen Kunden oder auch die Bespielung von

Social-Media-Kanälen.

Der Zusammenschluss mehrerer Firmen zu PIA war 2014 unter Beteiligung des

Finanzinvestors Equistone Partners Europe mit dem Ziel erfolgt, gemeinsam

neue Geschäftsfelder zu erschließen und größere Kunden zu gewinnen. Außer

Performance Media hatten unter anderem die Social-Media-Spezialisten

Delasocial und der SEO-Optimierer Blue Summit ihre Unternehmen mit einem

Managementbeteiligungsmodell an die neue Dachmarke verkauft. In den

vergangenen Jahren sind fünf weitere Firmen dazugekommen, darunter zwei

eigene Gründungen zur Abrundung des Portfolios. „Marketing und Vertrieb

verändern sich rasant“, sagt Tiedemann. Die Auftraggeber wünschten sich

Partner, die Komplettpakete für die Lösung ihrer Probleme anbieten könnten.

Dabei liest sich die PIA-Kundenliste wie das Who is Who deutscher Konzerne.

Miele, Media-Markt, Tchibo, Otto oder Volkswagen sind darunter. Insgesamt

betreut die Gruppe 350 Firmen. Größter Kunde ist der Autohersteller Porsche,

der vom Neuzugang UDG kommt und für dessen Internetseiten die Hamburger

zuständig sind: von den Informationen über einzelne Modelle bis zum

Konfigurator für den Autokauf. 80 bis 100 Mitarbeiter sind nur mit diesem

Kunden beschäftigt.

In der Branche gibt es bereits seit Längerem einen Konzentrationsprozess. Auch

der Managementberatungs- und Technologiekonzern Accenture mit seiner

Digitaltochter Accenture Interactive ist auf Einkaufstour. 2017 hatte das

Unternehmen unter anderem die Hamburger Digitalagentur SinnerSchrader

gekauft, im vergangenen Herbst verleibte es sich die renommierte Werbeagentur

Kolle Rebbe ein. „Der fragmentierte deutsche Online-Marketing-Markt

konsolidiert sich“, sagt Tiedemann. In Zukunft werde es einige wenige sehr große

Anbieter mit unterschiedlichen Schwerpunkten geben und eine Reihe von

kleineren Spezialisten. Daran, dass PIA bei den Großen dabei sein will, lässt der

Chef keinen Zweifel. Er sieht die Gruppe gut aufgestellt, kann sich aber auch

noch „zwei bis drei Zukäufe“ vorstellen. Es gehe darum mitzuhalten bei

Zukunftsthemen wie künstliche Intelligenz, Sprachsteuerung und Machine

Learning (automatisiertes Lernen).

Hamburg traditioneller Medien- und Kreativstandort

Sein Wechsel zu PIA hat auch damit zu tun, dass der erfahrene Agentur-Builder

noch mal neu durchstarten wollte. „Die Management-Herausforderung liegt

nicht im Zukauf von Unternehmen, sondern in der anschließenden Integration

in die PIA Group“, sagt er. Tiedemann sieht sich in der Rolle eines Trainers, der

seine Mannschaft in unterschiedlichen Formationen je nach „Gegner“ aufs

Spielfeld stellt. Hamburg sei dafür ein attraktiver Ort. „Die Stadt ist ein

traditioneller Medien- und Kreativstandort“, sagt der Wahlhanseat mit

niedersächsischen Wurzeln, der mit seiner Familie in Harvestehude wohnt. In

den nächsten Monaten will er mit seinem Team aus dem Co-Working-Büro in

eigene Räume umziehen. An derselben Adresse, im historischen Postgebäude.

Interview & Text: Hanna-Lotte Mikuteit

Foto: Michael Rauhe

Der Artikel ist erschienen im Hamburger Abendblatt: https://bit.ly/3116L8L

Pressekontakt

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