Unter den Mittelständlern gibt es auch digitale Vorreiter

W&V - 2019-11-22

Text: Lena Herrmann | W&V

Martin Wider, Chefstratege von 7SQUARED, erklärt im Interview, welche Herausforderungen die digitale Transformation für mittelständische Unternehmen mit sich bringt und inwiefern sich deren Arbeit von derjenigen der Konzerne unterscheidet.

Das Thema digitale Transformation ist auch bei den mittelständischen Unternehmen angekommen. Und doch stehen Mittelständler vor ganz anderen Herausforderungen als die großen Konzerne. Martin Wider, Geschäftsführer der Strategieberatung 7SQUARED, kennt die Nöte und Bedürfnisse der KMUs. W&V-Redakteurin Lena Herrmann hat mit ihm gesprochen.

Vor welchen Herausforderungen steht der Mittelstand? 

Mittelständische Unternehmen sehen sich bei der digitalen Transformation oft mit folgenden Herausforderungen konfrontiert:  

1.   Die meisten Unternehmen haben nur unzureichende IT-Kompetenzen und zwar sowohl technologisch als auch personell  

2.   Sie stehen vor ungelösten Fragen bezüglich der eigenen Datensicherheit sowie des Datenschutzes durch DSGVO und die (noch nicht final entschiedenen Inhalte) einer kommenden e-Privacy-Verordnung 

3.   Sie haben Probleme bei der organisatorischen Anpassung von notwendigen Prozessen und Verantwortlichkeiten, die für eine digitale Transformation notwendig sind 

4.   Aufgrund ihrer Lage in der berühmten schwäbischen Alp und ähnlichen romantischen Randlagen in Deutschland, haben immer noch viele eine mangelnde Breitbandanbindung an das Internet 

5.   Die Finanzierung von Investitionen findet überwiegend über den Cashflow statt und da stehen Investitionen in analoge Gegenstände, wie bspw. in neue Maschinen vor digitalen Investitionen 

6.   Das Thema Personal scheint der deutsche Mittelstand inzwischen einigermaßen gelöst zu haben, wie aktuelle Studien berichten. Ich bin aber trotzdem davon überzeugt, dass viele digitale Talente das Leben in Großstädten gegenüber Randlagen bevorzugen  

7.   Es drängen immer neue Venture-Capital-finanzierte Wettbewerber in etablierte Märkte vor, die rein digital aufgestellt sind und mit ihren Plattformstrategien den direkten Kundenzugang mittelständischer Unternehmen bedrohen  

Hinkt der Mittelstand also beim Thema Digitalisierung hinterher? 

Das kann man so pauschal nicht sagen. Grundsätzlich haben die mittelständischen Unternehmen die Digitalisierung gleichermaßen als Herausforderung und Chance erkannt und die meisten stehen ihr grundsätzlich positiv gegenüber. Allerdings finden sich eher unter den größeren Mittelständlern digitale Vorreiter, die eine konkrete Digitalstrategie verfolgen, bereits digitale Initiativen und Geschäftsmodelle am Laufen haben, schon über ein hohes Maß an Digitalkompetenz verfügen und deshalb auch attraktiv für die digitalen Talente sind.  

Die KfW Bankengruppe hat Anfang des Jahres eine Studie zur Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen durchgeführt. Die Studie belegt, dass die Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen in Deutschland noch ausbaufähig ist. Die wichtigsten Ergebnisse sind meiner Meinung nach folgende: 

·         30 Prozent der mittelständischen Unternehmen haben in den Einsatz neuer oder verbesserter digitaler Technologien für Prozesse, Produkte, Services oder Geschäftsabläufe investiert – das heißt die Digitalisierung kommt allmählich in der Breite des Mittelstands an. 

·         Die Gesamtausgaben des Mittelstands für Digitalisierungsvorhaben hingegen fallen mit 15 Mrd. EUR im Jahr 2017 weiterhin vergleichsweise niedrig aus. Für Neuinvestitionen in Maschinen, Gebäude, Einrichtungen o. ä. geben mittelständische Unternehmen mehr als das 11-fache aus (169 Mrd. EUR) – d.h. die Digitalisierung wird vom Mittelstand noch nicht als notwendige Investition in die Zukunft, sondern als Ausgaben betrachtet. 

·         Die Mitarbeiter von mittelständischen Unternehmen sind oftmals nur eingeschränkt auf die Herausforderungen der digitalen Transformation vorbereitet. Es fehlt ihnen oft am notwendigen Know-how, um die neuen digitalen Möglichkeiten ins Unternehmen zu integrieren – d.h. die wichtigste Quelle für Digitalisierung des Mittelstandes sind die Mitarbeiter: Firmen, die Hochschulabsolventen beschäftigen, bauen ihre Digitalisierung mit 43 % rund zwei Drittel häufiger aus als Unternehmen ohne Hochschulabsolventen in der Belegschaft.  

Was sind denn im Gegenzug die Stärken des Mittelstands? 

Grundsätzlich sieht sich ein mittelständisches Unternehmen im Zuge seiner digitalen Transformation den gleichen Herausforderungen gegenüber wie jedes andere Unternehmen auch. Jedoch weisen mittelständische Unternehmen Besonderheiten und Stärken auf, die eigentlich die besten Voraussetzungen für eine nachhaltige und zukunftsgerichtete Transformation ihres Geschäftsmodell bieten: 

1.   Unternehmer sind "Macher" und sehr gut darin, neue Vorhaben, schnell auf den Weg zu bringen  

2.   Die Unternehmenskultur ist stark durch den Gründer bzw. die Inhaberfamilie geprägt  

3.   Die Geschäftsführung ist stark in das operative Geschäft involviert und dadurch nahe am Markt und ihren Mitarbeitern 

4.   Der Management-Ansatz ist sehr umsetzungsorientiert, mit kurzen Wegen und schnellen Entscheidungen 

5.   Die Unternehmenspolitik verfolgt langfristige Ziele und orientiert sich nicht an kurzfristigen Quartalsergebnissen 

Mittelständisches Unternehmen haben dadurch das Potenzial schnelle, ganzheitliche, zukunftsorientierte Entscheidungen zu treffen, die dann auch von oben durch das Unternehmen getragen werden. Das zusammen sind doch hervorragende Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gestaltung der digitalen Transformation.  

Braucht der Mittelstand andere Beratung oder Begleitung als ein Großkonzern? Welche? 

Die meisten Familienunternehmen haben als Start-up begonnen, es hieß nur damals bei ihrer Gründung nicht so. Die wichtigsten Erfolgskriterien für Startups gelten aber auch für sie, wie z.B. schnelle unternehmerische Entscheidungen oder die kontinuierliche Anpassung von Produkten und Services an die Kundenbedürfnisse.  

Wer für den Mittelstand arbeiten will, muss diesen zupackenden Startup-Approach beherrschen und bedeutend näher am Geschäft und an der Umsetzung sein, als bei Konzernkunden. Da gibt es in den wenigsten Fällen Abteilungen oder Stabsstellen für Highlevel-Strategieberatung, sondern schon die Strategie muss für ihre Umsetzbarkeit hin entwickelt worden sein. Da man meistens nah am Inhaber arbeitet, fallen die Entscheidungen schneller – gleichzeitig wird aber auch ein konkreter Erfolg schneller erwartet. Wenn in einem Großkonzern ein Manager einen Bonus erhält, nur weil er die digitale Transformationsinitiative gestartet hat, bewertet der Unternehmer nicht die Initiative, sondern allein die Resultate. Mittelständische Unternehmen arbeiten deshalb lieber mit Experten, die auch einen entsprechenden Track-Rekord verweisen müssen. Fachwissen wird höher bewertet als methodische Exzellenz. Wir haben uns darauf eingestellt und konfigurieren für unseren Kunden immer Teams aus Digital-Spezialisten kombiniert mit methodisch- und prozessstarken Generalisten. 

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit für einen Mittelständler im Vergleich zu einem großen Unternehmen? 

Das Ergebnis unterscheidet sich nicht, nur der Weg dahin. Während beim Arbeiten in Konzernstrukturen Stakeholder-Management und detaillierte und aufwändige Reportings für alle involvierten Abteilungen und Ebenen einen wichtigen Teil des Projektes ausmachen, möchte der Unternehmer alle Arbeitskraft direkt im Projekt selbst abgebildet haben. Kompliziertes Stakeholder-Management ist meistens unnötig, da es nur einen gibt, der den Daumen hebt oder senkt. Das gilt auch für wichtige Entscheidungen, die sehr schnell gefällt werden – im positiven, wie im negativen Kontext.

Können Sie an einem Beispiel erklären, wie Sie spezielle Lösungen für mittelständische Unternehmen entwickeln? 

Die PIA Group wurde beauftragt, die Markenzusammenführung aller Kliniken der Oberberg Gruppe umzusetzen und als Manifestation der neuen Marke und des neuen Marketingansatzes eine zentrale digitale Plattform aufzusetzen.  

Wir unterstützen Oberberg dabei in folgenden Bereichen:  

·         Strategie, Konzeption und Entwicklung einer zentralen digitalen Plattform mit Website, Patienten-Lead Management, Ärzte-CRM sowie Mitarbeiter-App 

·         Entwicklung und Umsetzung eines neuen digitalen Kampagnen- und Lead-Management-Ansatzes (Media, Kreation, Tech) zur effizienten und skalierbaren Gewinnung von Patienten 

·         Entwicklung einer übergreifenden Brand Experience über alle Kanäle und Kliniken hinweg 

·         Content-Erstellung – Text, Foto, Video – sowie Erstellung aller Design-Elemente und Werbemittel – von der Geschäftsausstattung und Website, über die Schilder an den Kliniken bis hin zu den CRM-Maßnahmen Patientenbroschüren 

·         Entwicklung eines neuen Marketing Operating Models mit neuer Aufbauorganisation, neuen agilen Prozessen und neuen Tools für Zusammenarbeit, Wissensmanagement und Abstimmungen 

·         Aufbau eines maßgeschneiderten und skalierbaren Agenturmodells

Erschienen als W&V Plus Artikel: https://www.wuv.de/wuvplus/unter_den_mittelstaendlern_gibt_es_auch_digitale_vorreiter

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